Am Bewährten festhalten oder Neues wagen?
Neue Materialien und technische Ansätze – eine Betrachtung
Immer wieder kommt etwas «Neues» auf den Markt. Da staunt der Laie und der Fachmann wundert sich. Von Seite des Anbieters wird selbstverständlich behauptet, die jeweilige «Neuheit» sei genau das Richtige. Für den Produzenten (Gärtner) hingegen stellt sich die Frage: Lieber am Bewährten festhalten oder doch besser etwas Neues wagen? Hierzu ein paar Gedanken.

Wenn es um Investitionen geht, sind «Neuheiten» ein sehr schwieriges Thema, denn Investitionen werden sicher für die nächsten zehn Jahre getätigt. Was sind Neuheiten? Die meisten Neuheiten sind eigentlich nicht neue Erfindungen, sondern nur neue Anwendungen für bereits bekannte Materialien. Als Beispiel sei die vor mehr als zwanzig Jahren entwickelte EVA-Folie (Ethylvinylacetat) genannt. Ihr richtiger Durchbruch kam erst in den 90er-Jahren. Zuerst musste jeder Folienhersteller für seine neues Produkt werben.

 

Kritische Gedanken zu einigen «neuen Produkten»

Vor einer Anwendung in der gärtnerischen Praxis gilt es, die neu lancierten Produkte gründlich zu hinterfragen. Nachstehend sei das an vier Beispielen getan.

Zig-Zag-Platten

Die ZigZag-Platten (oder Zick-Zack-Platten) wurden erstmals an der Floriade 2002 vorgestellt. Sie sind eine Art Doppelstegplatten, die innen eine glatte Oberfläche und aussen eine prismaförmige Struktur haben. Das Material ist aus Polycarbonat (PC). Der Hersteller lobt die Platten als sehr lichtdurchlässig (über 90%) und erst noch stark isolierend.

So gut, so recht, aber wie sieht es mit der Lichtqualität aus? Polycarbonat filtert alle UV-Strahlen heraus! Oder wie steht es um die Verschmutzung solcher Platten? Auf der weichen Oberfläche und in den Vertiefungen bleibt der Schmutz hängen. Die Alterung dieser Platten ist ebenfalls ein grosses Thema. Zudem muss der beachtliche Preis berücksichtigt werden.

Die neuen ZigZag-Platten gelten als extrem lichtdurchlässig und wärmedämmend. Aber wie sieht es mit der Lichtqualität aus?
Die neuen ZigZag-Platten gelten als extrem lichtdurchlässig und wärmedämmend. Aber wie sieht es mit der Lichtqualität aus?

UV-durchlässiges Glas (Panilux Diamant)

Dieses Glas ist nicht mehr ganz neu, aber durchaus einige Überlegung wert. Seine Qualität ist sehr gut und die 50-prozentige Durchlässigkeit von UV-B-Stahlen (280 bis 315 nm) kann eine entsprechende Investition rechtfertigen. Trotzdem gilt es zu bedenken:

Brauche ich diese Lichtqualität wirklich oder ist sie eventuell sogar von Nachteil?

Ein Beispiel: Gewisse Rosensorten werden farblich unter diesen Lichtverhältnissen viel zu dunkel und sind
somit unverkäuflich.

Insekten sehen bei UV-Licht viel besser, also wird für Schädlinge möglicherweise ein optimaleres Umfeld geschaffen. Lichtempfindliche Pflanzen können Blattverbrennungen bekommen.

Zu viel Licht für Grünpflanzen, die später im Zimmer stehen, macht keinen Sinn. Im Allgemeinen gibt es punkto Pflanzenqualität unter Panilux-Diamant-Glas im Vergleich zum Float- Glas keine wesentlichen Unterschiede, die eine Mehrinvestition rechtfertigen würde. (Die behauptete Reduktion von Wuchshemmstoffen wurde bislang nicht bewiesen.) Zudem sind bei diesem Material viel eher Verbrennungen möglich, weshalb mehr schattiert werden muss, was den positiven Effekt wettmachen kann. Die Schattentücher müssen UV-stabil sein, was wiederum teuer ist. Als Fazit gilt auch hier: Panilux-Diamant-Glas nur dann verwenden, wenn es die Kulturen erfordern.

F-Clean-Folie
F-Clean wurde als «NEU» angepriesen. Der Unterschied zur EVA-Folie ist sichtbar. Eine Hälfte des Gewächshauses ist mit EVA-Doppelfolie eingedeckt, die andere Hälfte mit TFE90 (= F-Clean). Die Stehwand ist mit transparentester EVA-Folie, bespannt.

ETFE-Folie (Ethylentetrafluorethylene)

Unter der Bezeichnung F-Clean (Japan) wurde in den letzten Jahren diese Folie als Neuheit angepriesen. Dass es sich hierbei um eine über 30 Jahre alte «Erfindung» von Pati (Italien) handelt, wissen die wenigsten. Die Lichtdurchlässigkeit der ETFE-Folie beträgt 93,8% (Glas 89%). Die Lichtdurchlässigkeit von diffus einfallendem Licht liegt sogar bei 87,5% (Glas 82%), was im Winter grosse Vorteile bringen kann. Viel wichtiger aber ist die Einstrahlung des gesamten Spektrums, also auch der UV-B-Strahlung. Davon gelangen über 90 % der im Freien verfügbaren Menge ins Gewächshaus.

Die Nachteile sind ähnlich wie bei Panilux-Diamant, doch eignen sich mit ETFE-Folie eingedeckte Bauten aufgrund des freilandähnlichen Lichtspektrums hervorragend für das Abhärten von Pflanzen. Statt teure Cabrio-Häuser zu bauen, könnten deshalb durchaus ETFE-Eindeckungen Sinn machen. Es muss aber darauf geachtet werden, dass das Klemmsystem für diese Folie geeignet ist (die Konstruktion muss der Folie angepasst werden). Ein grosser Vorteil der ETFE-Folie ist ihre lange Lebensdauer (mehr als zwanzig Jahre), aber auch, dass sie nicht schnell verschmutzt (Mikro- Oberfläche). Der hohe Preis von ca. Fr. 16.–/m2 sollte mit Glas und nicht mit EVA-Folie verglichen werden.
Als nachteilig erweist sich der Umstand, dass die Schattierfarbe nicht gut hält, was eine Innenschattierung notwendig macht. Da ETFE sehr transparent ist (IR-Strahlung wird weniger reflektiert), hat die Folie auch eine schlechtere Isolierung als Glas. Sobald geheizt wird, muss deshalb eine Doppelfolie montiert werden. Einen weiterer Nachteil der ETFE-Folie ist ihre fehlende Elastizität und die daher schwierigere Montage

Schattierfarbe

Wie es die Holländer immer wieder verstehen, «Neuheiten» in die Welt zu setzen, zeigt die Firma Mardenkro. Sie lancierte im letzten Jahr mit ReduHeat eine Schattierfarbe, die zweifelsohne hält, was sie verspricht: mehr wachstumsförderndes Licht mit weniger Wärme. Für die Firma Mardenkro ist das selbstverständlich eine Neuheit – nicht aber für Marktkenner. Die Firma Sudlac hat mit Eclipse schon seit längerem ein sehr konkurrenzfähiges Produkt mit den gleichen oder zum Teil besseren Eigenschaften im Angebot. Im Gegensatz zu den Investitionsgütern ist es beim Verbrauchsmaterial einfacher, zwei Produkte miteinander zu vergleichen und das bessere zu wählen.

Steuerungssysteme: Was heute neu ist, ist morgen alt

Die meisten Neuheiten finden sich im elektronischen Bereich (Steuerungssysteme), doch würde eine vertiefte Behandlung dieses Themas den Artikel sprengen. Grundsätzlich gilt für diese Sparte: Was heute neu ist, ist morgen alt! Daher muss die im Moment richtige Lösung gesucht und dann entschie- den werden. In einem Überwinterungsgewächshaus ist ein Klimacomputer logischerweise fehl am Platz. Bei einer grösseren beheizten Fläche hingegen lässt sich damit teure Energie einsparen und eher ein wirtschaftlicher Erfolg realisieren. Grundsätzlich ist dem Service ausreichend Beachtung zu schenken.

Blick in die Zukunft

Auch im Energiebereich sind viele Neuheiten zu finden. Die Forschung befasst sich vor allem mit Energieautarke Gewächshäuser, z.B. das Zineg-Forschungsgewächshaus*.

Niederländische Forscher arbeiten derzeit an völlig geschlossenen Energiesystemen. Ziel ist es, die überschüssige Wärme, die durch die Sonne ins Gewächshaus kommt, zu speichern und für den Winter zu nutzen. Als Speichermedien werden Grundwasserzonen zwischen wasserundurchlässigen Erdschichten genutzt. Diese Schichten liegen in Holland etwa 50 m tief. Um den Speicher aufzuheizen sind verschiedene Methoden möglich: Wasserkühlung der Glasdächer, Wärmepumpen, die mit Biogas betrieben werden, Sonnenreflektoren, Windräder oder auch Biomasse. Warum ich dieses Projekt erwähne? Weil es sich dabei nicht um viele Neuheiten handelt, sondern um die innovative Anwendung bereits bestehender Technologien – und zugleich um eine andere Dimension. Die Probleme verstecken sich darin wie in einem Trojanisches Pferd, denn die Natur ist vernetzt. Ein gut funktionierendes, bezahlbares Öko-Gewächshaus löst das eine Problem und schafft zugleich neue Schwierigkeiten.

Zwei Beispiele zeigen das:

  • Ein gut isoliertes Gewächshaus führt zu einer hohen Luftfeuchtigkeit und weniger Licht. Um die hohe Luftfeuchte zu beheben, sind aber Kühlflächen erforderlich, an denen das Wasser kondensieren kann, und um den Lichtmangel auszugleichen, müssen die Kulturen belichtet werden.
  •  Wird die Wärme eines Gewächshauses genutzt und deshalb nicht gelüftet, fehlt die natürliche CO2-Zufuhr und es herrscht eine hohe Luftfeuchtigkeit.

*Auszug aus der Zineg-Website:
Gesamtziel des ZINEG-Verbundvorhabens zwischen den Jahren 2009 und 2014 war es, Technologien zu verbessern und weiterzuentwickeln, welche für die Pflanzenproduktion in Gewächshäusern den Verbrauch fossiler Energie für die Heizung und damit die fossilen CO2- Emissionen möglichst auf Null reduzieren können. In den kommenden Jahren wird es darum gehen, diese, aus einem systemorientierter Ansatz entstandenen Kenntnisse und Entwicklungen in die Praxis zu transferieren.

Projektförderung:

Das Verbundvorhaben wurde gefördert durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) sowie der Landwirtschaftlichen Rentenbank unter Federführung des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMEL) mit Unterstützung der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE).

 

Mein Kommentar:
Das Zineg-Gewächshaus hat sich bis heute für die Praxis nicht durchsetzen können, jedoch hat man viele Erfahrungen und Erkenntnisse gewonnen.

Zineg-Gewächshaus